Read Leben im Abriss: Schwarzwohnen in Halle an der Saale (Mitteldeutsche kulturhistorische Hefte) by Peter Gerlach Online

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Man stelle sich ein Land vor, in dem man einfach in eine Wohnung einziehen kann, ohne Mietvertrag, ohne Strom oder Wasser zu bezahlen Das einzige, was man nicht vergessen sollte, ist eine polizeiliche Anmeldung Das ist oft reine Formsache, die neue Adresse wird in den Personalausweis eingetragen, nach einem Mietvertrag fragt niemand Danach kann man unbehelligt ein paar Monate oder Jahre in der kostenlosen und nicht selten baupolizeilich gesperrten Wohnung leben, bis alle Nachbarn nach und nach ausziehen, das Dach undicht wird, die Energieversorgung den Strom abschaltet oder ein Abrissbagger anrollt.So etwas war m glich in der DDR, und keineswegs nur in seltenen Einzelf llen Vor allem die maroden Altst dte boten g nstige Voraussetzungen f r die eigenm chtige Wohnungsnahme.Normalerweise wurden alle Wohnungen in der DDR zugewiesen Aber f r ledige kinderlose junge Menschen war es nahezu unm glich, eine staatliche Wohnungszuweisung zu bekommen, es sei denn, man zog schwarz ein was still und leise geschah und nur sehr wenig mit dem zu tun hatte, was in der alten Bundesrepublik Hausbesetzung hie.Pflicht, unter Umgehung des staatlichen Vergabe Monopols.Halle geh rte zu den St dten, wo sich bereits relativ fr h, Ende der 1960er Jahre, erste Schwarzwohner in den zum Abriss vorgesehenen Vierteln der Innenstadt z.B Spitze, Fleischerstra e, Brunos Warte nachweisen lassen Das Leben im Abriss soll als Grauzone beschrieben werden, wo Freir ume und deprimierende Alltagserfahrung am Rand der Gesellschaft ein ambivalentes Lebensgef hl erzeugten, aber auch das Erproben selbst bestimmter Lebensformen erm glichten Angestrebt wird eine kleine Kultur und Alltagsgeschichte des Schwarzwohner Milieus in Halle, die wissenschaftlich fundiert aber popul r verfasst ist Im Mittelpunkt stehen die Geschichten und Erlebnisse Einzelner, deren Erinnerungen durch Fotos und Dokumente illustriert werden Die zumeist jungen Schwarzwohner waren auf der Flucht vor dem kleinb rgerlichen Milieu der Eltern und sahen sich nun mit einem ganz anderen Milieu konfrontiert Nicht nur, dass die Lebensverh ltnisse oft nahezu unertr glich waren in Wohnungen ohne Wasser, mit Au enklo und undichten D chern es kam auch zur Konfrontation mit einer sozialen Schicht, die manchmal als asoziales Milieu bezeichnet wird, mit alten und kranken Menschen, Alkoholikern und Sonderlingen Archivrecherchen und ein Dutzend Interviews in Halle f rderten eine ganze Reihe erstaunlicher, bemerkenswerter Begebenheiten zutage, die unterhaltsam und aufschlussreich zugleich sind.Zudem werden, vor allem anhand von Akten der Abteilung Wohnungspolitik des Stadtbezirkes Halle West, die Aushandlungen zwischen erwischten Schwarzwohnern und den Wohnungsbeh rden beschrieben, und es wird nach Erkl rungen daf r gesucht, wieso manche Schwarzbez ge mit der R umung endeten, andere mit einem Happy end.Der Zeitraum der im Buch geschilderten Episoden erstreckt sich von 1967 bis 1990Das Buch wurde gef rdert von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED Diktatur...

Title : Leben im Abriss: Schwarzwohnen in Halle an der Saale (Mitteldeutsche kulturhistorische Hefte)
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ISBN : 3939468584
ISBN13 : 978-3939468585
Format Type : EPub
Language : Deutsch
Publisher : Hasenverlag Auflage 1 17 M rz 2011
Number of Pages : 96 Seiten
File Size : 597 KB
Status : Available For Download
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Leben im Abriss: Schwarzwohnen in Halle an der Saale (Mitteldeutsche kulturhistorische Hefte) Reviews

  • Manfred Orlick
    2019-04-11 06:25

    Nach den politischen Ereignissen von 1968 kam es in den westeuropäischen Ländern zu Hausbesetzungen, wo sich die "Szene" autonome Freiräume zum Wohnen, zur Arbeit und zur kulturellen Nutzung schuf. Gab es das auch in der ehemaligen DDR?Dieser Frage geht Udo Grashoff im gerade erschienenen Heft 23 der "Mitteldeutschen kulturhistorischen Hefte" nach. Ja es gab Schwarzbezug (sprich illegales Beziehen) von Wohnungen, das hatte aber - wie der Autor gleich am Anfang betont - nichts mit den Hausbesetzungen in Berlin oder Hamburg zu tun. Es war kein politischer Protest sondern private Selbsthilfe angesichts der Wohnungsnot in der DDR.Die Anfänge des "Wohnungsbezuges ohne staatliche Zuweisung" liegen in den späten 60er Jahren. Bevorzugte innerstädtische Gebiete waren die maroden Straßenzüge der Kleinen Marktstraße, der Fleischerstraße, sowie der Großen und Kleinen Wallstraße. Auch am Steg und an der "Spitze" nisteten sich die illegalen Bewohner ein.Einer der Pioniere des Schwarzwohnens in Halle war Toni. Der ABF-Student wollte den sehr beengten Verhältnissen in der elterlichen Wohnung entfliehen und bezog daher eine kleine dunkle Wohnung in einem Hinterhaus der Kleinen Marktstraße 3. Das Domizil ohne Wasseranschluss entwickelte sich schnell zu einem Treffpunkt der studentischen "Boheme". Hier hörte man Musik, las Gedichte, philosophische Werke und diskutierte darüber. Aber Schwarzeinzug war nicht nur für Studenten und Aussteiger sondern auch für manchen Normalbürger ein Ausweg aus der Mangelsituation, vor allem für junge Leute, die sonst kaum eine Chance auf eine legale Wohnung hatten.Mit dem weiteren Aufbau der Plattenbausiedlungen in Halle-Neustadt, Südstadt, Silberhöhe oder Heide-Nord wurden immer mehr Häuser in der Innenstadt ihrem Schicksal überlassen. Und so wurden in den 80er Jahren leer stehende Wohnungen (sprich Bruch-buden) auch im Paulusviertel, in der August-Bebel-Straße oder in der Mansfelder Straße zum Schwarzwohnen genutzt.Ob lautstarke Feten, Räumung wegen Baufälligkeit, Ärger mit der Meldestelle, Überwachung durch die Staatssicherheit ... die 96 Seiten erzählen von abenteuerlichen und humorvollen Episoden unter widrigen Wohnbedingungen. Erst im Sommer 1990, als die staatliche Wohnraumlenkungsverordnung außer Kraft gesetzt wurde, verlor das Delikt "Schwarzwohnen" seine Existenzgrundlage.Das reich illustrierte Heft beleuchtet ein Stück Stadtgeschichte, das bisher wenig Beachtung fand und doch so viel über die untergehende DDR erzählt. Besonders informativ sind dabei die privaten Fotos von ehemaligen "Schwarzwohnern", die beschämend zeigen, wie die Altstadt von Halle in den 70er und 80er Jahren ihrem Verfall preisgegeben wurde. Dass so manches Haus nicht abgerissen wurde und heute in neuem Glanz erstrahlt, ist auch den jungen Leuten von damals zu verdanken.Manfred Orlick